Filmmakers Academy: Simona Volpe und Elias Bötticher im Interview

Die Locarno Filmmakers Academy ist ein zehntägiges Programm für junge Filmschaffende. Dieses Jahr waren die Story-Laborant*innen Simona Volpe und Elias Bötticher dabei. Welche Eindrücke haben sie gesammelt? Im Interview lassen die beiden ihre Zeit in der Academy Revue passieren.

Mit welchen Gefühlen und Gedanken bist du in die Academy gestartet?

Simona Volpe:

Ich bin voller Vorfreude nach Locarno zur Academy gereist. Ich habe mich vor allem darauf gefreut, Filmemacher*innen aus der ganzen Welt kennenzulernen und ihre Perspektiven auf ihr Schaffen zu erfahren. Auch das ausführlich gestaltete Programm klang von Anfang an vielversprechend.

Elias Bötticher:

Vorfreude war sicher das vorherrschende Gefühl im Vorfeld der Academy. Ich war gespannt darauf, die anderen Teilnehmenden kennenzulernen, mich offen zu zeigen für einen gegenseitigen Austausch, fürs gemeinsame Entdecken und Inspirieren. Das Programm hatte ich zwar studiert, im Vordergrund standen aber die persönlichen Kontakte und ein häppchenweises Sammeln möglicher projektbezogener Wünsche.

Wie hat sich das Programm über die zehn Tage gestaltet?

Simona Volpe:

Das Programm bestand hauptsächlich darin, die Teilnehmenden der Academies kennenzulernen, Filme zu schauen und in den Masterclasses mit den Filmemacher*innen in einen Austausch zu treten. Dazwischen hatten wir immer wieder Zeit, das Filmprogramm selbst zu durchstöbern, baden zu gehen oder gemeinsam die geteilten Eindrücke auf uns wirken zu lassen.

Elias Bötticher:

Die Zeit war gut aufgeteilt in vollere Tage vor grosser Leinwand und solche, in denen auch ein Sprung in die kalte Maggia möglich war. Wir durften uns in den verschiedenen Academies gegenseitig kennenlernen, hatten diverse geschützte Räume, in denen wir uns mit tollen Filmschaffenden unterhalten und ihnen direkt und konkret Fragen zu vorher gesichteten Filmen stellen konnten. In den Abendstunden fanden wir uns meist bei einem kühlen Getränk zusammen, am See oder am nächsten Vernetzungsevent.

Welche Rolle spielt ein Format wie die Academy in der Laufbahn von Filmschaffenden?

Elias Bötticher:

So ein Rahmen kann viele Türen öffnen, auch wenn das auf den ersten Blick noch unscheinbar wirkt. Dass sich so viele junge Filmschaffende aus weiten Teilen der Erde über mehrere Tage auf geordnete, doch unverbindliche Weise kennenlernen können, scheint mir sehr wertvoll. Ich lebe mit vielen Hemmschwellen, und die Academy, meine ich, kann helfen, solche abzubauen.

Simona Volpe:

Man hat die Möglichkeit, sowohl mit jungen als auch mit erfahrenen Filmschaffenden innerhalb eines intimen Rahmens ins Gespräch zu kommen, der unter anderen Umständen schwer herzustellen wäre. Da die Teilnehmenden Filmschaffende sind, die bereits international in der Industrie Erfahrungen machen und vernetzt sind, sehe ich es als sehr wertvoll an, durch ihre Perspektiven die eigenen zu reflektieren, neue Kontakte zu knüpfen und das eigene Schaffen zu erweitern. Der Austausch ist so divers, sei es über einen Rechercheprozess, über das Vernetzen oder einfach über das Teilen von Lebenserfahrungen. Die Inspiration und Weiterbildung ist unumgänglich.

Gab es während der Academy einen Moment, in dem sich für dich ein neuer Blickwinkel geöffnet hat?

Simona Volpe:

Die Filmmakers Academy hat mich in meinem Selbstbewusstsein als Filmschaffende gestärkt und mir sehr viel neue Inspiration beschert. Die Masterclass mit Alessandra Sanguinetti war mitunter eine der inspirierendsten Begegnungen. Ihre Arbeitsweise, Bescheidenheit und Passion hatten eine sehr motivierende Wirkung auf mich und viele andere im Raum. Die Möglichkeit, ihr Fragen zu stellen, empfanden die meisten als äusserst bereichernd. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Elias Bötticher:

Alle Teilnehmenden der Filmmakers Academy hatten die Möglichkeit, in einem öffentlichen Screening eine vergangene Arbeit in Locarno zu zeigen. Die ersten Screenings fanden nach einigen Tagen statt, in denen wir uns bereits beschnuppern konnten. Wie das filmische Erzählen einer persönlichen Perspektive die Wahrnehmung eines Gegenübers verändern kann, hat mich sehr beeindruckt.

Wie hast du den Austausch mit den anderen Filmemacher*innen erlebt?

Elias Bötticher:

In erster Linie ehrlich und inspirierend. Mit dem Austausch kommt ja nicht nur ein Gesprächskuchen über bewegtes Bild zusammen, sondern auch über andere Lebensrealitäten, ein getrenntes Dasein in unterschiedlichen politischen Realitäten und dennoch so viele gemeinsame Nenner.

Simona Volpe:

Es war sehr bereichernd, wir haben uns von Anfang an alle sehr gut verstanden. Der Austausch mit den anderen Teilnehmenden war mitunter die tollste Erfahrung während der Academy. Ihre Hintergründe, Studienerfahrungen, Arbeitserfahrungen, aber auch ihre Lebenserfahrungen kennenzulernen, war sehr wertvoll und motivierend. Vor allem, weil man als Schweizer Filmschaffende eine ganz andere Perspektive mitbringt. Aus einem kleinen Land zu kommen, macht es sehr wichtig, die eigenen Privilegien, aber auch die Limitationen zu erkennen und zu reflektieren. Obwohl ich bedauerlicherweise nicht die Chance hatte, meinen eigenen Film zu präsentieren, fand ich es doch sehr schön, die Arbeiten der anderen zu sehen, zu erfahren, welche Projekte an den grossen Festivals Premiere feiern, und die Leute dahinter kennenzulernen. Rückblickend weiss ich, dass es bedeutend gewesen wäre, meine Arbeit auch in diesem Rahmen präsentieren zu können.

Was hast du an der Academy gelernt, was wird dich begleiten?

Simona Volpe:

Auf jeden Fall all die Freundschaften und zukünftigen Kollaborationen. Die Begegnung mit grossen Filmemacher*innen und der Austausch in einem intimen Rahmen. Die Academy als Motivation und Vertrauensboost, an die eigenen Filme zu glauben und neue Orte zu erforschen, mit neuen Leuten zu arbeiten und das Netzwerk weiterzuspinnen.

Elias Bötticher:

Das wird womöglich erst über die kommende Zeit deutlich. Der Film «La ilusión de un verano sin fin» begleitet mich dieser Tage noch sehr, eine berührende Beziehung zweier enger Freundinnen und Cousinen und der schöne, fast traurige Blick der Fotografin und Regisseurin. Mir selber nicht so viel Druck zu machen und dennoch entspannt auf Menschen zuzugehen, das werde ich mir auch noch weiter in mein Notizbuch schreiben dürfen.